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Warum der wahre Sport im Wald hinter deinem Haus und nicht in Rio statt findet

wahre sport

Ich bin ein riesengroßer Sportfan und die olympischen Spiele in Rio lassen mich völlig kalt.

Was wie ein Widerspruch klingt, ist keiner und ich werde dir auch erklären, warum das so ist.

Vor Jahren wäre ich noch stundenlang vor dem TV gesessen, hätte begeistert die verschiedenen Sportarten angeschaut und mit den Athleten mitgefiebert.

Wohlgemerkt – mein Respekt vor der sportlichen Leistung aller Teilnehmer in Rio ist riesig, trotzdem ist da ein schaler Geschmack von Desinteresse.

Der Sport in Rio ist nicht mein Sport. Klar – in Rio wird Rad gefahren – mache ich auf bescheidenen Niveau auch. Es wird auch gelaufen – mache ich – deutlich langsamer zwar – auch. Schwimmen war in der ersten Woche das große Thema – mache ich (manchmal) auch. Und zusammen ergibt das Triathlon – auch so eine Leidenschaft mit bescheidenen Niveau von mir.

Und trotzdem – da ist kein Enthusiasmus mehr und nachdem ich die ersten Tage wenigstens noch die tägliche Zusammenfassung im Netz konsumiert habe, ist auch das nur dem Überfliegen einiger Nachrichtenfetzen auf Facebook & Co. gewichen. Doch dazu später mehr…

Sinkendes Interesse am Spitzensport

Ich bin offensichtlich nicht allein. Bereits 2012 bei den gut besuchten Spielen in London mit Übertragungen zur besten Sendezeit sanken die TV-Einschaltquoten deutlich gegenüber früheren Spielen ab.  Klar wir sprechen immer noch von vergleichsweise hohen Quoten, dennoch zeigt sich ein Trend.

Ein Trend, der auch in den Stadien von Rio sichtbar wird. Bei manchen Bildern aus menschenleeren Stadien fragt man sich, ob das jetzt Training oder der eigentliche Wettkampf ist?

Was sind die Gründe?

Woran liegt das aber? Ist der Leistungssport dabei, sich selbst zu kannibalisieren?

Sobald ein Athlet eine Spitzenleistung bringt, schwingt sofort das böse Damoklesschwert „Doping“ über ihn. Viele Athleten monieren das und sehen sich als Opfer. Sind sie das wirklich? Gibt es noch den sauberen Athleten, der nur mit legalen Mitteln – mit Fleiß, Schweiß und unbändigen Willen – zum Erfolg kommt? Ich hoffe und denke schon, doch ob diese Spezies in den einschlägigen Sportarten unter den Medaillengewinnern zu finden ist, da hegt sich ein – mal mehr, mal weniger – großer Schleier des Zweifels.

Immer höher, schneller und weiter gilt auch dieses Jahr und das, wo man doch weiß, dass bis vor wenigen Jahren systematisches Doping in vielen Ländern an der Tagesordnung war. Wobei – falsch – Vergangenheit ist das nicht, wie man an Beispielen sehen. Was im Gewichtheben bereits Praxis ist, dass komplette Nationen von den Spielen ausgeschlossen worden, wurde in der Leichtathletik bei einigen afrikanischen Ländern diskutiert. Exekutiert wurde es aber nicht und das Ergebnis ist unter anderem ein unwirklicher Fabelweltrekord über 400m. Und schließlich die große Diskussion um die komplette russische Olympiamannschaft dürften selbst Sportverweigerer hinreichend mitbekommen haben.

Das Problem sind natürlich nicht die Sportler allein. Ganz im Gegenteil – das was sich seit Jahren Funktionärswesen bei Olympia nennt, ist mit Korruption besser beschrieben. An der Spitze dieser (meist) Altherrenriege steht ein Deutscher, bei dem man sich wundert, dass er noch den aufrechten Gang beherrscht, so oft wie das Rückgrat sich schon verbogen haben muss.

Was soll einen Hobbysportler wie mich an so einer Freakshow noch interessieren? Da gehe ich doch lieber selbst raus und laufe meine Runde, statt in Rio die Athleten zu bewundern. Ist besser für mein Gemüt und meine Fitness…

Skandale – wo keine sind…

Da wo die eigentlichen Skandale sind – im flächendeckende und gezielten Dopingsumpf ganzer Sportarten oder der erwähnten Korruption der Funktionäre, da bleibt die Berichterstattung an der Oberfläche und beißt sich – angeblich – am Schweigen die Zähne aus. Schließlich gilt: The show must go on!

Diskutiert wird statt dessen über einen Diskuswerfer, der im Siegesrausch die Kinderstube vergaß oder sie vielleicht auch nie besessen hat. Da werden in Österreich die ganze Mannschaft mangels Medaillen als Olympiatouristen verhöhnt und da gab es diesen Marathonlauf, als die in der Läuferszene beliebten Hahner-Twins Hand in Hand jubelnd und lächelnd auf den Plätzen 81 und 82 beim Marathon durchs Ziel liefen.

Für mich persönlich eine der wenigen Szenen, die bei mir im Gedächtnis bleiben werden. Natürlich war es ein spontaner PR-Gag, doch die beiden hübschen Läuferinnen vermittelten in diesem Augenblick etwas, was die meisten Athleten in ihrer Verbissenheit nicht mehr haben – Freude am Sport, Spaß an der Bewegung getreu dem olympischen Motto: „Dabeisein ist alles“.

Das führte zu ätzenden Kommentaren von offizieller Seite als auch in den sozialen Medien, der tief in die Seele von Funktionären, Spitzensportlern und Journalisten blicken lässt. Das durfte ich am eigenen Leib spüren. Auf der Facebook-Seite eines mir bekannten Journalisten, der aktuell für den Boulevard aus Rio berichtet, drückte ich meine Sympathie für die Aktion aus und bekam mächtig Gegenwind.

Ein ehemaliger mehrfacher Olympiasieger im Radsport ätzte, dass diese beiden „Tussies“ aus dem deutschen Team entfernt gehörten und das ich doch gefälligst die Klappe halten soll, da ich kein Olympiasieger wäre und nichts vom olympischen Gedanken verstehe. Ein weiterer ehemaliger Athlet stieß – mit gewählteren Worten – ins gleiche Horn und meinte, sie gehören wegen Nichtwahrnehmung der sportlichen Chance disqualifiziert.

Warum ich mich als Hobbysportler mit den Hahner-Twins identifizieren kann

Die Heftigkeit der Reaktionen schockierte mich und so startete ich auf der Facebook-Seite vom ausdauerblog auch eine Umfrage, wie die Freizeitsportler dort die Aktion bewerteten.

Und siehe da – ich war nicht allein mit meiner Meinung. Ganz im Gegenteil! Hier mal ein paar exemplarische Meinungen:

Benno schreibt: „Wenn man weiß, daß man nichts mehr „reißen“ kann, ist so eine Aktion das Beste, was man machen kann. Es geht um Sport, um Leistung. Nicht um Verbissenheit oder Aggressivität. Die beiden haben das einzig Richtige getan! Kritiker sollten sich überlegen, ob sie selber in der Lage wäre, die Leistung zu bringen. Wer das nicht kann, möge die Klappe halten. Wer es doch kann, darf es gerne besser machen!“

Roman meint: „Bevor der DLV Kritik ausübt sollte er sich lieber darum kümmern die Talente zu fördern und zu finden. Die beste deutsche Läuferin war auf Platz 44 (41 Plätze hinter einer Medaillen Chance). Sie haben niemandem weh getan, oder jemandem die Chance genommen eine Medaille zu gewinnen und dann den olympischen Geist von Freundschaft zu Zeigen in dem man zusammen einläuft ist meiner Meinung nach i.O.“ Sandra antwortet: „Profi Sportler sollen sich öffentlich zeigen, weil sie damit andere motivieren und Freude verbreiten über einen geglückten Lebenslauf.“

Bernd schreibt: „Die Beiden haben sich fürs Geld verdienen entschieden, sind absolute Social Media Profis. Sportlich gewinnen war nicht möglich, also Gewinn maximieren um den Sport weiter finanzieren zu können. Ich finde es okay, besser als die „ich bekomme zuwenig Geld – Dschungelcamp-Heuler““

Natürlich gab es auch kritische Stimmen, zum Beispiel Harald: „Die Anmerkungen, wonach man nur kritisieren dürfe, wenn man es besser könne, finde ich deplatziert. Schließlich verdienen die Beiden mit Laufen und der damit verbundenen Werbung ihren Lebensunterhalt. Sie sind bei Olympia gestartet und nicht bei einem Volkslauf. Ich habe den Eindruck, dass sie sich blendend vermarktet, darüber den Sport aber vergessen haben. Anja Scherl dagegen hat alles gegeben.“

Eines wurde mir aus den Diskussionen klar: Je ambitionierter ein Sportler ist, desto weniger Verständnis zeigt er für die Aktion der Hahners. Und genau hier liegt das Problem. Obgleich immer mehr Menschen viel und gern Sport machen, so sind deren Beweggründe so völlig anders als bei den Spitzensportlern.

Natürlich nehme ich an Wettkämpfen teil, doch ich messe mich niemals mit anderen, sondern nur mit mir selbst. Platzierungen sind mir mangels Ehrgeiz, Talent, Können, Priorität und letztlich dem Alter nicht wichtig. Trotzdem trainiere ich in Hochphasen nahezu täglich und viele viele Stunden auch sehr ambitioniert. Weil ich es will, weil es mir gut tut, weil ich mir etwas beweisen will. Wohl gemerkt – MIR – nicht anderen.

Für mich – und für die Mehrzahl der Freizeitsportler – zählt eben wirklich der Gedanke „dabei sein ist alles“. Bei meinem für mich größten sportlichen Erfolg, der Teilnahme an der Challenge Roth, kam ich im Mittelfeld gut 4 Stunden hinter dem Sieger ins Ziel und war nicht weniger glücklich als der Gewinner. Und die, die weitere 4 Stunden nach mir als letzte ins Ziel kamen, strahlten nicht minder über das ganze Gesicht.

DAS ist Sport! Und genau das vermittelte die Aktion der Hahner-Twins mehr als manch verbissen erkämpfte Medaille.

Der wahre Sport…

Nach der Diskussion verstehe ich nun auch, warum mich Olympia bei aller Ehrfurcht vor den Athleten nicht mehr interessiert. Leistungssport und Freizeitsport entfernen sich immer mehr. Während bei dem einen allein das Ergebnis zählt und der Zweck dafür offenbar jedes Mittel heiligt, steht beim anderen die Gesundheit, die Fitness und der Spaß im Vordergrund. Dazwischen gibt es nichts – das wissen wir nun spätestens seit dem Marathonlauf der Frauen.

Egal ist mir Olympia nicht – würde ich sonst hier darüber schreiben? Ich freue mich riesig für Fabian Hambüchen, für die Beachvolleyballerinnen. Und trotzdem: Der wahre Sport findet im Wald hinter deinem Haus statt. Dann wenn du im Morgengrauen deine Laufschuhe schnürst und den Tag joggend beginnst. Oder dann, wenn nach einer anstrengenden Arbeitswoche  im Büro du endlich deine Schuhe in die Pedale deines Fahrrads klicken kannst. In solchen Momenten hat sich auch der olympische Geist versteckt, denn in Rio zeigt er sich nur selten – dort regiert die Ware Sport.

Was meinst du – interessierst du dich noch für den Spitzensport oder hat dein Interesse über die Jahre nachgelassen. Für was bewunderst du die Leistungssportler in Rio und wofür bedauerst du sie? Ich freu mich auf deine Meinung in den Kommentaren…

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Ach übrigens – ich wünsche dir mehr Zeit für Sport in deinem Leben.

Über den Autor: Torsten Pretzsch

Torsten ist 2008 von der Couch aufgestanden, um ein sportlicheres Leben zu führen. Begonnen mit einer Laufrunde von nur 15 Minuten lief er Jahre später Marathon und absolvierte einen Ironman.

Als Teamleiter und Projektmanager war dieser Weg nur durch gutes Selbstmanagement möglich.

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6 Kommentare

  1. Hi Torsten,

    ich bin da völlig bei dir. Ich kann den Sch… auch nicht mehr sehen, obwohl ich früher begeistert war. Wenn man dazu noch bedenkt wie ein Land und deren Menschen „bluten muss“ um solche Brot und Spiele abzuhalten…
    Sport fei
    Heiko
    PS: ich geh jetzt Burpees machen 🙂

  2. Hallo und guten Tag,

    ich kann mich gut Ihrer Meinung anschliessen… ..und habe mir erlaubt, Ihren Beitrag unter einen Blog beim Tagesspiegel zu verlinken.
    Wie wichtig Olympia und der olympische Gedanke wirklich ist, sieht man ja heute wieder..
    Zwei Stunden DFB-Pokal vom aktuellen Olympia-Sender, die Olympia-Ergebnisse werden natürlich nachgeriecht.. ….
    schon fast tragisch traurig lustig, dass sich die anderen „Spitzensportler“ dann verbal selber ins Abseits stellen…

    schönen Gruß

  3. Sehr treffend beschrieben und deckt sich mit meiner Meinung. Toller Artikel

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