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Berlin-Marathon 2017 – Achterbahn der Gefühle in der Hauptstadt

Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennenlernen willst, dann lauf Marathon. (Emil Zátopek)

Das Zitat der tschechischen Lauflegende passt wie die Faust aufs Auge für meinen Berlin-Marathon 2017. Es war eine Achterbahn der Gefühle und weil ich schon die letzten 14 Wochen ausführlich über meine Vorbereitung berichtet habe, möchte ich euch natürlich auch den Rennbericht nicht vorenthalten.

Also schnapp dir einen Kaffee und schnall dich an – es geht los.

Der lange Weg zum Start

Ich hab gut geschlafen und ich bin bereit. Doch ein bisschen trübt der Blick aus dem Fenster die Stimmung. Leichter Nieselregen, nasse Straßen und Nebel – immerhin ist es mit 12 Grad von der Temperatur her völlig ok.

Nach einem kleinen Frühstück auf dem Zimmer und einem doppelten Espresso in der Hotelbar mache ich mich zu Fuß zum Start. Schon der Weg Richtung Reichstag ist ein Erlebnis. Hunderte Läufer in einem babylonischen Sprachengewirr versuchen die Vorstartnervosität auf ihre Art zu bekämpfen.

Den einen oder anderen Marathonläufer sehe ich sogar noch aufgeregt an einer Zigarette ziehen – na wer es braucht. 😉

Quelle: MarathonFoto.com

Auch ich bin natürlich aufgeregt, doch mir merkt man das sicher kaum an. Bin ich nervös, werde ich immer ruhiger und halte mich gerne am Smartphone fest. Familie & Freunde wollen schließlich berichtet haben (wollen sie wirklich?) und Instagram muss ja ohnehin als Blogger sein. Die Wahrheit – es ist die perfekte Ablenkung!

Ich bin begeistert, wie reibungslos das ganze Vorstartprozedere trotz der 45.000 Starter funktioniert. Man findet problemlos die richtigen Wege und so stehe ich kurz nach 9 in meinem Startblock „G“.

Die prickelnde Vorstartatmosphäre

Der trübe Himmel lindert keineswegs die Stimmung. Anfangs verfolgen die Läufer noch überwiegend schweigend die sehr gute Berichterstattung über Videoleinwände. Ein top Service, um die Zeit bis zum Start zu überbrücken.

Je näher der Start der Profis rückt, desto stimmungsvoller wird es im Block. Man spürt förmlich wie der Energielevel steigt und als die Stars ins Rennen gehen, brandet lautstarker Jubel auf. Sehen können wir nur die Videowand und ganz weit vor uns die aufsteigenden Luftballons.

Als dann noch Hobbyläufer aus der ganzen Welt in ihren Sprachen uns begrüßen und Glück wünschen, ist die Stimmung am Siedepunkt. Es ist einfach Wahnsinn aus wie vielen Ländern die Läufer hier am Start sind.

Wir dürfen nun auch langsam Richtung Start und ich entledige mich meines wärmenden Langarmshirt und werfe es, wie viele andere auch, über die Absperrung. Die Berliner Kleiderspende freut sich! Kalt ist es mir da ohnehin längst nicht mehr und jubelnd laufe ich über die Startlinie.

JETZT GEHTS LOS!!!

Auf der Suche nach der richtigen Pace

Quelle: MarathonFoto.com

Am Anfang geht es einfach darum, den richtigen Rhythmus zu finden. Und genau da bin ich froh, dass ich meinen Garmin Forerunner dabei habe. So widerstehe ich den Impuls zu schnell zu laufen. Überrascht bin ich, wie gut man eigentlich trotz der Massen voran kommt.

Die Straße des 17.Juni ist natürlich extrem breit, doch es ist außerdem von Vorteil, dass im Startblock zum größten Teil Läufer mit ähnlicher Zielzeit stehen. Da kenne ich von kleineren Volksläufen schon viel chaotischere Szenen.

Nach etwa 7 Kilometer kommen wir auf der anderen Seite der Spree wieder am Reichstag vorbei und ich bin im Soll. Ich spüre, dass die Pace anstrengend ist, aber noch ist alles im grünen Bereich und ich schaue optimistisch meiner Bestzeit entgegen.

Der Himmel trübt sich ein

Meine Taktik, das erste Gel erst bei Kilometer 12 zu nehmen, schmeiße ich über den Haufen. Die lange Wartezeit vor dem Start lässt mich spüren, dass ich schon eher zusätzliche Energie brauche. Das kühle und regnerische Wetter tut da sicher sein übriges.

Beim Lauf durch Mitte wandert mein Blick immer wieder nach oben. Ich suche den Fernsehturm – eines der Wahrzeichen der Stadt. Irgendwann erblicke ich ihn, schemenhaft nur und ziemlich im Nebel verhangen, schaut er etwas betrübt auf die Läufer. Kein Wunder, denn mittlerweile wird es nun auch von oben feucht.

Der langsame Abstieg

Nach Mitte folgt der Weg nach Neukölln und irgendwo am Kottbusser Tor bei Kilometer 15 melden sich erste Zweifel bei mir. Und das liegt nicht daran, dass das hier nun wahrlich nicht die beste Gegend der Stadt ist. Denn Stimmung ist auch hier – wie eigentlich die komplette Strecke.

Irgendwie verlässt mich mehr und mehr die Lust auf Quälerei. Brav versuche ich mir immer wieder das Brandenburger Tor vors geistige Auge zu holen. Stelle mir vor, wie es ist, da hindurch zu laufen. Visualisierung ist eine gute Möglichkeit, die Motivation hoch zu halten. Doch das Bild ist nicht stark genug. Und so beginnt Kilometer um Kilometer die Geschwindigkeit zu sinken. Selten gelingt es mir noch, die anvisierte Pace zu erreichen. Es geht bergab…

Der Tiefpunkt im Westen

Quelle: MarathonFoto.com

Trotzdem halte ich weiter meine Energie hoch und schleppe mich voran. So leicht gebe ich dann doch nicht auf, meint das Engelchen auf meiner linken Schulter. Der Teufel rechts grinst zu diesem Zeitpunkt irgendwie schon siegesgewiss.

Den Halbmarathon passiere ich bei knapp 1:58h. Eigentlich ist noch nichts verloren und trotzdem erscheint es mir völlig utopisch die zweite Hälfte in der gleichen Zeit zurückzulegen. Und so schleichen sich die ersten Gehpausen ein. Anfangs nur für ein paar Sekunden an der Verpflegung, das ist ja völlig okay. Doch aus den paar Metern werden immer ein paar Meter mehr.

Irgendwo zwischen Kilometer 20 und 30 ist der Glaube an eine Bestzeit völlig dahin und auch die 4-Stunden-Marke rauscht an mir vorbei. So wie der Läufer mit den Ballon, der die Läufer um sich noch mit den Worten: „Los gehts – Kopf hoch und aufrecht laufen.“ motiviert. Der hat gut reden, denke ich. Naja und was ich da noch denke, lass ich hier mal besser weg…

Das Jammern hat ein Ende

Irgendwann erreiche ich die ersehnte 32km-Marke. Ersehnt deshalb, weil man von hier so wunderbar von 10 rückwärts zählen kann. Und 10km sind im Training ja kein großes Problem.

Ab dieser Marke werden auch die Gehpausen wieder kürzer und ich jogge meist mit einem 6er-Tempo dahin. Irgendwie erwacht auch wieder der Ehrgeiz in mir. Ich will ins Ziel – wobei das nie in Zweifel stand – und ich will wenigstens 4:15h erreichen.

Also Schluss mit der Jammerei und an den Luftballon-Läufer von vorhin gedacht – Kopf hoch und los. Am Ku’damm ist ganz schön was los und das motiviert. Nur noch 8…

Eine Party der Nationen

Das erstaunliche ist, seit ich das Tempo deutlich reduziert habe, kann ich den Lauf besser genießen. Wobei „genießen“ nicht das richtige Wort ist. Ich sauge die Stimmung besser auf, nehme die Leute am Straßenrand mehr wahr. Es ist stark, was die Berliner da auf die Beine stellen. Und das trotz des miesen Wetters. Livemusik an jeder Ecke und 42,195km lang Applaus und Anfeuerung. Welcher Stadtmarathon hat das schon zu bieten?

Und noch etwas verwundert mich – auch nach über 3 Stunden Anstrengung kann ich noch einen klaren Gedanken fassen. Ob es daran liegt, dass mein Puls gesunken ist und damit mehr Blut im Oberstübchen zirkulieren kann?

Wie auch immer – was mir auffällt, sind die die vielen Anfeuerungen für die ausländischen Starter. Ein „Viva Mexico“ hier – ein „Danmark“ da und natürlich auch immer mal wieder asiatisch, englisch, französisch oder welche Sprache auch immer da gerade durch die Luft wabert. Und immer wieder jubeln auch die jeweiligen Läufer – die haben einfach jede Menge Spaß.

Und genau deshalb sind sie da – für den Spaß. Warum habe ich den eigentlich irgendwann unterwegs zum Großteil verloren? Ganz schön blöd!

Quelle: MarathonFoto.com

Das Finale unterm Brandenburger Tor

Bei Kilometer 37 kurz vor dem Potsdamer Platz schaue ich sehnsuchtsvoll nach rechts. Mein Hotel ist hier nur wenige Meter entfernt. Aber den Gedanken verwerfe ich so schnell, wie er gekommen ist. Es geht dem Finale entgegen. Übrigens ist es schon ein wenig fies, wenn man merkt, dass man noch einmal einen kräftigen Bogen Richtung Innenstadt machen muss, ehe wir dann endlich die „Straße unter den Linden“ erreichen. Ich erblicke das Brandenburger Tor!

Quelle: MarathonFoto.com

Als Kind des Ostens ist es weit mehr als nur ein Symbol. Es ist etwas ganz besonderes, auch wenn die Wiedervereinigung ja nun schon mehrere Jahrzehnte her ist und ich längst auch nicht mehr im Osten wohne. In Berlin und besonders an diesem Ort wird Geschichte greifbar und es könnte keinen besseren Ort geben, um durch das Ziel eines Marathons zu laufen.

In diesem Moment sind auch sämtliche dunklen Gedanken der letzten Stunden vergessen und ich bin richtig glücklich. Marathon Nummer 3 (mit Ironman Nummer 4) ist im Kasten und er war – wie jeder andere davor – etwas ganz besonderes.

Die Erkenntnis im Ziel

Achja da war ja noch etwas – die Zeit. 4:15:20h standen offiziell zu Buche. Wenn ich an den Anfang meiner Serie zurückblicke, habe ich von meinen ABC-Zielen damit zumindest C erreicht. Da erstaunliche – jetzt im Ziel war ich zufrieden damit.

Auf Instagram schrieb ich ein paar Stunden nach dem Rennen:

Es gibt Tage, da muss man mit den kleinen Dingen zufrieden sein. Und es gibt Tage, da lernt man richtig etwas über sich. Ein Marathon bietet sich da perfekt an. 😄 Heutiges Learning beim #berlinmarathon2017 – die Zeiten als ich mich für ein Ziel richtig quälen konnte, sind endgültig vorbei. 😲 Meine Zielzeit hab ich schon bei km20 abgeschrieben und ich war nicht mal richtig sauer darüber. Danach habe ich versucht so viel wie möglich von der tollen Atmosphäre aufzusaugen. #berlinmarathon ist echt der Hammer! Und mal ehrlich, wen außer mir interessiert das wirklich, ob ich 3:50h oder 4:15h laufe? 😄 Ab heute bin ich Sport-Tourist 😀 und freue mich auf viele weitere coole Rennen irgendwo auf der Welt. 🏃🏊🚲🌍 #ausdauerblog #endlichmehrsport #laufen #instarunners #marathon

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Auch einen Tag später kann ich es nicht besser ausdrücken. Meine Motivation für Bestzeiten ist einfach nicht mehr da. Den Traum eines Hobbyläufers – einmal im Leben unter 4h zu laufen – habe ich mir ja bereits bei meiner Marathon-Premiere 2011 erfüllt. Jetzt freue ich mich auf meine Zeit als Sport-Tourist.

Mit diesen Gedanken im Kopf schlenderte – neee eigentlich watschelte – ich zurück ins Hotel. er einmal richtig Spaß haben will, der stelle sich an eine Treppe nach einem x-beliebigen Marathon. Tausende fitte Sportler – eben noch 42 Kilomter gerannt – quälen sich Schritt für Schritt mehr schlecht als recht die Treppen hinab. Ein Anblick zum Schießen und glaubt mir, mir ging es natürlich kein bisschen besser.

Und noch etwas ging mir durch den Kopf – DANKBARKEIT für die vielen vielen Helfer, die so etwas ermöglichen. Es war eine Freude deren Enthusiasmus zu spüren und ohne sie, wäre das Erlebnis schlicht und ergreifend nicht das gleich.

Nun aber genug – mal schauen, was als nächstes auf meinem Zettel steht. Meine Bucketlist ist gut gefüllt, aber vielleicht hast du auch eine coole Idee für ein neues Ziele? Was ist dein nächstes Ziel?

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Dein Torsten…

Über den Autor: Torsten Pretzsch

Torsten ist 2008 von der Couch aufgestanden, um ein sportlicheres Leben zu führen. Begonnen mit einer Laufrunde von nur 15 Minuten lief er Jahre später Marathon und absolvierte einen Ironman.

Als Teamleiter und Projektmanager war dieser Weg nur durch gutes Selbstmanagement möglich.

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** Titelfoto ist von MarathonFoto.com

2 Kommentare

  1. Hallo Torsten,
    Glückwunsch zum Marathon! Dein Bericht macht richtig Lust, einen Marathon zu laufen … auch trotz der Tiefs, aber das Glücksgefühl am Ende nehme ich dir auch sowas von ab. Das ist das Spannende am Marathon, dass man einfach nie weiß, wie es wird. Und jeder Kilometer, den man sich quält, kann sehr lange sein. Deshalb habe ich auch großen Respekt vor der Distanz.
    Die internationale Atmosphäre klingt total schön, auch wenn die großen Marathons eben auch mit mehr Warten und Anstehen verbunden sind als so ein kleiner Marathon. Aber wie gesagt, ich will auch wieder Marathon laufen, und auch gerne mal in Berlin!
    Viele Grüsse,
    Sarah

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